Tempelkapitel

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Ein typisches wehseländisches Tempelkapitel

Tempelkapitel leitet sich ab von tempel (einer oder mehreren Gottheiten geweihter Bezirk) und kapitel (Zusammenkunft, feierliche Versammlung). Alternativ wird es auch als Schreinkapitel oder Tempelstift bezeichnet. Unter dem Begriff wird die Führung eines bedeutsamen Gotteshauses (in der Regel der Tempel eines Hierarchions) in zentralen Fragen. Die fünf klerikalen Rechtsordnungen, die in verschiedenen Teilen des Wehselandes gelten, legen alle fest, dass Mitglieder eines Tempelkapitels dem Klerus angehören müssen. Wie weit ihre Handlungsbefugnisse gehen, hängt dagegen von den jeweiligen Ordnungen ab. In allen Fällen fallen zentrale religiöse Fragen, Liturgie und die Verwaltung der weltlichen Besitztümer in die Einflusssphäre des Kapitels, teils auch militärische, politische und personelle Entscheidungen. Gewählte Mitglieder eines Tempelkapitels werden Ordinarien (Sg. Ordinarius und Ordinaria) oder Tempelherren und -herrinnen genannt.

Zusammensetzung und Aufgaben

Die wehseländischen Tempelkapitel unterstützen ihren jeweiligen Hierarchen oder ihre jeweilige Hierarchin als eingeständiges Gremium innerhalb des Hierarchions. Es ist im jeweiligen klerikalen Recht der Region festgehalten, zu welchen Angelegenheiten er in Kenntnis gesetzt, befragt oder um Zustimmung gebeten werden muss. Das Gremium besteht aus dem Hegemon oder der Hegemonin und dem oder der Primoris. Diesen beiden obliegt die Organisation des Gremiums. Die Hegemone und Hegemoninnen tragen die rechtliche Verantwortung und sind mit der Umsetzung der Beschlüsse betraut, während die Primoris die internen Abläufe regeln. Neben diesen Ämtern können ein oder mehrere Custodios (Sg. Custodius und Custodia), die mit militärischen Aufgaben betraut werden, ein oder mehrere Didaktos (Sg. Didaktus und Didakta), die für die religiöse Lehre verantwortlich sind, ein oder mehrere Hymnodios (Sg. Hymnodius und Hymnodia), die in liturgischen Fragen besonders bewandert sind, und ein Thesaurion oder eine Thesauria, der oder die den Tempelschatz verwaltet, angehören. Es werden in vielen Tempeln mindestens so viele weitere Ordinarien gewählt, dass die Amtsinhaber nicht die Mehrheit innehaben.

Die zentrale tempelinterne Aufgabe des Tempelkapitels besteht darin, einen neuen Hierarchen oder eine neue Hierarchin zu wählen, sobald der Posten vakant ist. Außerdem muss das Kapitel zustimmen, wenn neue Kapitelämter auf Vorschlag des Hierarchen oder der Hierarchin besetzt werden. Ansonsten wird vom Kapitel vor allem ein tadelloses Leben nach den Werten und Tugenden der jeweils verehrten Gottheiten erwartet. Im Fall von Gotteshäusern, die mehr als einer Gottheit gewidmet sind, wird bei der Besetzung der Ämter außerdem immer proportionaler Anteil der verschiedenen Kleriker und Klerikerinnen gewählt.

Geschichte

Die Tempelkapitel stammen der Idee nach aus der alten Heimat. Dort handelte es sich jedoch nicht um Beratungsgremien, sondern ausschließlich um die ausführenden Elemente innerhalb der Priesterschaft. Die strikten Hierarchien wurden vor allem mit den vielen Konflikten auch unter den Tempeln begründet. Bereits während des Zugs der Fürsten besannen sich die Kleriker und Klerikerinnen auf kollegialere Umgangsformen.

Mit dem Einzug ins Wehseland entstand neben den Herzogtümern und Parlamon ein Bedürfnis nach Einteilung in Tempelbezirke. Die Einteilung in verschiedene Hierarchien erfolgte als Ergebnis der ersten Konzile des neuen Klerus, der zu jenem Zeitpunkt nur wenige dutzende Wesen umfasste. Dabei wurde in allen klerikalen Rechtstexten auch festgelegt, dass ein Hierarchion für die tradierte und korrekte Verehrung sämtlicher Gottheiten zuständig ist, unabhängig welcher Gottheit der Haupttempel geweiht ist. Im Laufe der Zeit wurde in vielen Tempelkapiteln die Praxis übernommen, auch der Tempelgottheit fremde Kleriker und Klerikerinnen in das Kapitel zu berufen, wenn deren Expertise das Gremium erheblich bereichern würde.

Bald nach der Gründung der Hierarchien wurde rechtlich die Tempelautonomie eingefordert und seitens der Adligen gewährt. Sie unterstanden damit nicht der jeweiligen weltlichen Herrschaft über den Ort ihres Sitzes, was eine stärkere Eigenverwaltung inklusive Rechtssprechung und Gewaltausübung notwendig machte. Neben den regelmäßigen Diensten im Tempel gehörte zu den Aufgaben des Tempelkapitels die Beratung und Unterstützung des Hierarchs oder der Hierarchin im Hierarchion (geistliche Herrschaft, die oft weiter reichte als die weltliche Herrschaft) und den Gütern (weltliche Herrschaft). Im Verlauf des ersten halben Jahrhunderts formierten sich die Tempelkapitel zu Wahlkollegien mit dem Recht zur Hierarchenwahl. Die Mitglieder des Domkapitels bilden in einigen Orten eine streng organisierte Lebensgemeinschaft, die derjenigen einer Klostergemeinschaft nicht unähnlich ist. In anderen Orten versteht sich die Gemeinschaften lockerer. In diesen Tempelkapiteln sind häufiger die nachgeborene Söhne adeliger und ritterlicher Familien anzutreffen.

Klerikale Bedeutung

Die Tempelkapitel stellen einen entscheidenden Fortschritt gegenüber den strikten Hohepriestern und Hohepriesterinnen dar, die in der alten Heimat religiös-politische Herrschaft ausübten. Die Hierarchen und Hierarchinnen drängen zwar auch stets darauf, mehr Macht innerhalb ihrer jeweiligen Hierarchien anzuhäufen und nutzen dabei nicht selten Geld, Einfluss an den adligen Höfen und Versprechen lukrativer Posten im Kapitel, aber die Kapitel selbst sind auch nicht untätig.

Für die Infrastruktur des Reiches sind die Tempelkapitel als Leitung der Hierarchien unablässlich. Lediglich durch diese zentralen Knotenpunkte lässt sich das im ständigen Wandel befindliche Netz von Klöstern, Schreinen, Kapellen, Hainen, Tempeln, Stiften und weiteren Institutionen überblicken. Die Tempelkapitel stehen im kontinuierlichen Austausch mit dem König und unterstützen unter anderem dessen Schreibstube durch die Absendung der besten Schreiber und Schreiberinnen.

Innerhalb des Glaubens hat die Einführung der Hierarchien und Tempelkapitel dazu geführt, dass viele Glaubensinhalte in gegenseitige Kontexte gestellt hat. Hatte die große Wanderung grundsätzlich ermöglicht, den gemeinsamen Glauben zu schärfen, so tat der Aufbau der klerikalen Institutionen sein übriges. Gerade die ersten Konzile der wenigen Kleriker und Klerikerinnen zu Beginn der wehseländischen Geschichtsschreibung waren wegweisend. Nach wie vor gibt es zentrale Dissense zwischen den Anhängerschaften der verschiedenen Götter und Göttinnen. Doch zumindest besteht ein Austausch und der Versuch, diese Widersprüche zu dokumentieren. Es gibt darüber hinaus nicht wenige Ansätze, über diese hinauszuwachsen.

Politische Bedeutung

Innerhalb des Wehselandes existieren im Jahre 80 nGW 30 verschiedene Hierarchien. Deren weltliche Besitztümer sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Während sich in Klingenfurth eigene Waffenfähige als unabweislich erwiesen haben, ist dies in Blômetal eher unüblich. Dennoch hat auch dort der Klerus nicht unerheblichen Landbesitz. Über die jeweiligen weltlichen Besitztümer hinaus nehmen die Hierarchien jedoch auch über die Kleriker und Klerikerinnen in den Herzogtümern Einfluss auf die dortige Bevölkerung. Die Ausbildung und Lehrinhalte der Priester und Priesterinnen geht zwar nicht zwingend direkt vom Hierarchion aus, aber dessen liturgische Kursvorgabe steuert die Ausrichtung der jeweiligen lokalen Kulte langfristig.

Das ist der politische Einfluss, der von den Hierarchien ausgeht. Diese umfassen neben dem Haupttempel noch weitere Gotteshäuser, deren Kleriker und Klerikerinnen auch Einfluss nehmen. Dennoch ist das Tempelkapitel aufgrund seiner zentralen Stellung in erheblichem Maße für die auch politischen Standpunkte des Hierarchions verantwortlich. Im Kapitel kondensieren die verschiedenen Aufgaben, die dem Klerus überantwortet wurden.

Selbst in den Gebieten, in denen das klerikale Recht politische Handlungsspielräume für Kapitel wie Hierarch oder Hierarchin verbietet, erfolgt eine abgeschwächte politische Positionierung. Einerseits, weil sich die politischen Fragen des Reiches in der weltlichen Herrschaft in den Gütern und Höfen des Klerus zeigen. Andererseits, weil sie in ihrer beratend-seelsorgerischen Verantwortung dem Adel gegenüber Meinungen formulieren müssen.